Die virtuelle Velotour
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Das Kreuz im Weg
     
 
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Schon einige Tage schwamm die Landstrasse im Wasser, und noch immer regnete es in Strömen. Bald nach der Vesperzeit war es dunkel geworden. Ein Fuhrmann mit zwei Gäulen fuhr auf der Strasse von Bünzen nach Muri. Er hatte zuviel geladen, wollte aber den Vorspann sparen. Bis nach Muri hinein dachte er schon noch zu kommen. Als es nun an dem stockfinsteren Moos vorbeiging, sank der Wagen immer tiefer ein. Die Pferde brachten ihn nicht mehr von der Stelle. Da half keine Peitsche und keine Winde mehr. Der Fuhrmann begann zu schimpfen und zu fluchen. Er verwünschte die Fuhre samt den Pferden hundert Klafter tief in den Erdboden hinein. Auf einmal wurde es hell um ihn. Ein feuriger Mann tanzte im Sumpf herum. Funken spritzten ihm ans Bart und Fingerspitzen. Doch der grobe Knecht fürchtete sich nicht. In seiner Wut brüllte er zur Gestalt hinüber: «Leuchte mir, du Feuer schwitzender Spitzbube, oder ich will dich peitschen, dass du gern wieder zum Teufel fährst!»

Sogleich stand der Irrwisch da und leuchtete zwischen die Räder, auf die festgeklemmte Waage und das verwickelte Geschirr. Dann flackerte er den Gäulen voraus, so dass der Fuhrmann sah, wo sie auf festen Grund treten konnten. Jetzt zogen die Pferde an, und es ging vorwärts. Am Ende des Riedmooses liess er die Tiere einen Augenblick verschnaufen. Da blieb auch der Feurige stehen. «Was, du willst auch noch Trinkgeld haben, Donnersschelm?» schnauzte ihn der Knecht an. Aber die Haare standen ihm unter der Mütze zu Berg, als eine zitternde Stimme Antwort gab:

«Numen ufbahre
und zum Chilehof fahre!»

Es war gerade noch so hell, dass der Fuhrmann ein schwarzes Holzkreuz auf dem Weg liegen sah. Er bückte sich brnmmend und hob es auf, wie ihn der Brennende geheissen hatte. Als der schwere Balken auf die Bretterladung polterte, war der Feurige verschwunden. Beim nächsten Friedhof warf der Fuhrmann das Kreuz über die Mauer.
In Muri kehrte er ein und erzählte beim Most sein Erlebnis. Da erfuhr er, wie es sich mit dem hilfreichen Feuermann verhielt: Das Moos war einst ein grosser Teich in einem Schlossgarten gewesen. Im Herrschaftshaus wohnte ein grausamer Graf, der Arme anlockte und misshandelte. Hinter dem Tor hatte er eine Falltüre in den Boden einsetzen lassen. Jeder, der ahnungslos eintrat, fiel in ein finsteres Gelass hinunter. Dort warfen sich zwei grosse schwarze Hunde auf ihn und schleiften ihn vor ihren Herrn. Dieser aber lachte über den Schrecken der Gefangenen.
Einmal sah der Schlossherr vom Fenster aus einen buckligen Bettler unten stehen und auf ein Almosen warten. Der Spass, wenn die Hunde ihm den Krüppel heranschleiften! Er winkte dem Armen. Dieser trat in den Hausgang und versank wie alle anderen. Der Schlossherr stieg die Treppe hinunter, um sich an der Angst des Buckligen zu weiden. Doch die Hunde hatten sich diesmal nicht rührt. Sie lagen am Boden und winselten. Der Bettler trat auf den Unmenschen zu und schrie ihn an: «Du hast zu lange mit Almosen Arme ins Verderben gelockt. Im Weiher sollst du büssen und warten, bis ein hartes Wort dich erlöst!»
Augenblicklich verschwand das Schloss vom Erdboden. Im Sumpf, der sich darüber ausbreitete, musste der Böse im Feuer baden und auf einen Befreier hoffen. Der fluchende Fuhrmann war nach vielen hundert Jahren der erste gewesen, der den Geist nicht gefürchtet, sondern ihn zornig angefahren hatte.